Idiopathische Adoleszentenskoliose (AIS) (Jugendliche Skoliose)
Kinderorthopädie
1. Woher kommt der Name?
„Skoliose“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Krümmung“. „Adoleszenz“ ist das Jugendalter, und „idiopathisch“ heißt ohne erkennbare Ursache. Die idiopathische Adoleszentenskoliose ist also eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule, die im Jugendalter (zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr) beginnt und für die keine Ursache zu finden ist. Sie ist die häufigste Form der Skoliose.
2. Was ist das?
Die Wirbelsäule ist dabei in allen drei Raumrichtungen verformt: Sie weicht zur Seite ab, die Wirbelkörper sind in sich verdreht, und auch die Krümmung von vorn nach hinten ist verändert. Von einer Skoliose spricht man, wenn der auf dem Röntgenbild gemessene Krümmungswinkel – der sogenannte Krümmungswinkel nach Cobb – mehr als 10° beträgt. Die Verkrümmung beginnt im Wachstumsschub der Pubertät. Eine Grunderkrankung, die sie erklären könnte, lässt sich nicht finden. Ärztinnen und Ärzte teilen die Krümmungsmuster nach ihrer Form ein (Einteilung nach Lenke in sechs Gruppen, ältere Einteilung nach King in fünf Gruppen).
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
1–3 % der Jugendlichen sind betroffen. Mädchen haben 4- bis 10-mal häufiger schwere Verläufe als Jungen. Die Verkrümmung nimmt vor allem während des Wachstumsschubs in der Pubertät zu.
2.2 Ursache und Entstehung
Viele Faktoren wirken zusammen, die eigentliche Ursache ist unklar. Eine Rolle spielen erbliche Anlagen (in Studien wurden mehrere Gene gefunden), ein Ungleichgewicht im Zusammenspiel von Nerven und Muskeln, hormonelle Einflüsse und das Wachstum selbst.
3. Beschwerden
- Im Jugendalter meist keine Schmerzen
- Auffällige Ungleichheiten: unterschiedlich hohe Schultern, ungleiche Taillendreiecke (die Räume zwischen Armen und Taille), schief stehendes Becken
- Rippenbuckel beim Vorbeugetest: Beugt sich die Patientin oder der Patient mit gestreckten Knien nach vorn, wölbt sich eine Seite des Rückens höher als die andere
- Zeigt der Neigungsmesser beim Vorbeugen mehr als 5° an, ist ein Röntgenbild angezeigt
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Untersuchung besteht aus dem Betrachten des Rückens, dem Vorbeugetest, der Messung mit dem Neigungsmesser und einer Untersuchung der Nerven. Bei ungewöhnlichen Zeichen – zum Beispiel einer Krümmung im Brustbereich, die nach links statt nach rechts weist, bei Schmerzen oder bei Ausfällen der Nerven – wird eine Kernspin-Untersuchung durchgeführt. Damit werden Fehlbildungen des Rückenmarks (ein flüssigkeitsgefüllter Hohlraum im Rückenmark) oder am Übergang zwischen Gehirn und Rückenmark ausgeschlossen.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenaufnahme der gesamten Wirbelsäule im Stehen – entweder mit einem besonders strahlenarmen Aufnahmeverfahren oder als übliches Röntgenbild. Darauf werden der Krümmungswinkel nach Cobb und das Krümmungsmuster nach Lenke bestimmt. Außerdem wird am Beckenkamm abgelesen, wie weit das Knochenwachstum fortgeschritten ist (sogenanntes Risser-Zeichen, Stufen 0 bis 5). Daraus lässt sich abschätzen, wie viel Wachstum noch bevorsteht. Während des Wachstums werden die Aufnahmen alle 3 bis 6 Monate wiederholt.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig.
5. Behandlung
Krümmungswinkel unter 20°
- Beobachtung
- Krankengymnastik (Übungen nach Schroth, eigens für Skoliose entwickelte Übungen)
- Förderung von Sport
Krümmungswinkel 20–45° bei noch offenen Wachstumsfugen (Risser-Stufe 0–3)
- Behandlung mit einem Korsett (zum Beispiel nach Chêneau oder Boston) für 18 bis 23 Stunden am Tag bis zum Abschluss des Wachstums
- Eine große amerikanische Studie hat gezeigt: Das Korsett senkt das Risiko deutlich, dass die Verkrümmung weiter zunimmt
- Begleitend intensive Krankengymnastik
Krümmungswinkel über 45–50°
- Operation: Die Verkrümmung wird aufgerichtet und der betroffene Abschnitt der Wirbelsäule durch eine Versteifungsoperation von der Rückseite her mit Schrauben und Stäben befestigt
- Eine Operation kommt auch bei jüngeren Patientinnen und Patienten in Frage, wenn die Verkrümmung rasch zunimmt
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Krankengymnastik nach Schroth, das Korsett und die Operation bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Ist das Wachstum abgeschlossen und der Krümmungswinkel kleiner als 30°, ist der voraussichtliche Verlauf sehr gut – die Verkrümmung nimmt dann meist nicht mehr zu. Krümmungen über 45° können im Erwachsenenalter langsam weiter zunehmen. Nach einer Operation sind die Ergebnisse für Beweglichkeit und Alltag gut; eine erneute Operation wird nur selten nötig (etwa 5 %).
7. Leitlinien
- Aktuelle Leitlinien zu diesem Krankheitsbild finden Sie über die Suche im AWMF-Register.
8. Literatur
- Weinstein SL, Dolan LA, Wright JG, Dobbs MB. Effects of bracing in adolescents with idiopathic scoliosis (BrAIST). N Engl J Med. 2013;369(16):1512-1521.
- Lenke LG, Betz RR, Harms J, et al. Adolescent idiopathic scoliosis: a new classification to determine extent of spinal arthrodesis. J Bone Joint Surg Am. 2001;83(8):1169-1181.
- Negrini S, Donzelli S, Aulisa AG, et al. 2016 SOSORT guidelines: orthopaedic and rehabilitation treatment of idiopathic scoliosis during growth. Scoliosis Spinal Disord. 2018;13:3.
- Cheng JC, Castelein RM, Chu WC, et al. Adolescent idiopathic scoliosis. Nat Rev Dis Primers. 2015;1:15030.
- Wikipedia, Artikel „Idiopathische Adoleszentenskoliose (AIS)“: Skoliose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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